Tutorial: Ein PoE-Budget auslegen, bevor der Switch bestellt ist

Management Summary
Power over Ethernet, kurz PoE, überträgt Strom und Daten durch dasselbe Netzwerkkabel. Das vereinfacht den Anschluss von Kameras und Telefonen ohne separate Stromleitung. Der Netzwerkverteiler muss sowohl je Anschluss als auch insgesamt genug Leistung bereitstellen. Der Beitrag erklärt, warum Durchschnittsverbrauch als Kaufgrundlage nicht reicht: Geräte können mehr Leistung reservieren oder nachts, beim Heizen und Starten mehr benötigen. Planung vor dem Kauf verhindert unzureichende Stromversorgung trotz passender Anschlüsse.
Inhalt
Power over Ethernet (PoE) überträgt Strom und Netzwerkdaten über dasselbe Kabel. Das PoE-Budget bezeichnet die Leistung, die an den Switch-Anschlüssen für angeschlossene Geräte verfügbar ist. Für die Planung zählen drei Grenzen: die Leistung je Anschluss, das Gesamtbudget mit der vorgesehenen Netzteilbestückung und das Verfahren zur Leistungszuteilung. Ein niedriger gemessener Verbrauch allein belegt noch keine freie Kapazität für ein weiteres Gerät.
Leistung am Switch und am Endgerät
Switch oder Injektor bilden die Stromquelle, kurz PSE. Kamera, Telefon oder Access Point sind die versorgten Geräte, kurz PD. Wegen der Kabelverluste liegt die am PD verfügbare Leistung unter dem zugehörigen PSE-Wert. Die Tabelle nennt die höchsten Leistungsstufen der Typen; daraus folgt keine Unterstützung der höchsten Klasse an jedem Anschluss.
| Standard / Typ | Höchste PSE-Stufe | Am PD verfügbar |
|---|---|---|
| 802.3af / 1 | 15,4 W | 12,95 W |
| 802.3at / 2 | 30 W | 25,5 W |
| 802.3bt / 3 | 60 W | 51 W |
| 802.3bt / 4 | 90 W | 71,3 W |
Das Switch-Budget wird auf der PSE-Seite berechnet. Eine Leistungsangabe der Kamera am PD lässt sich daher nicht ohne Berücksichtigung der Kabelverluste mit einem Messwert am Switch addieren. Passives 24-Volt-PoE ist eine eigene Versorgungsart: Spannung, Polarität und Anschlussbelegung müssen ausdrücklich zum Gerät passen. Ein passiver Adapter bietet nicht dieselbe Erkennung wie IEEE-PoE.
Erkennung, Klassifizierung und Zuteilung unterscheiden
Zur Erkennung zeigt das versorgte Gerät einen elektrischen Widerstand von ungefähr 25 kΩ. Diese Erkennungssignatur kennzeichnet ein kompatibles PD. Die Leistungsklasse wird bei der Klassifizierung gesondert signalisiert; im Erkennungswiderstand steckt keine Klassenangabe. Übliche PSE-Klassenwerte sind 15,4 W für Klasse 0 und 3, 4 W für Klasse 1, 7 W für Klasse 2, 30 W für Klasse 4 sowie 45, 60, 75 und 90 W für die Klassen 5 bis 8. Klasse 0 ist eine Standardklassifizierung und kein Beleg für ein Billiggerät.
Die Zuteilung hängt von Switch und Einstellung ab. Bei fester Reservierung nach Klasse kann eine Kamera der Klasse 4 trotz nur 9 W Aufnahme insgesamt 30 W Budget belegen. HPE Aruba dokumentiert außerdem verbrauchsbasierte Zuteilung und manuell festgelegte Werte. Cisco Catalyst unterscheidet zugeteilte Leistung und tatsächlichen Verbrauch. Welcher Wert weitere Anschlüsse begrenzt, ergibt sich aus dem konkreten Gerätehandbuch und der Konfiguration.
LLDP ist ein Protokoll zum Informationsaustausch zwischen direkt verbundenen Netzwerkgeräten. Damit ist eine genauere Leistungsverhandlung möglich, sofern beide Seiten die entsprechenden Funktionen unterstützen. Das Ergebnis kann die Zuteilung erhöhen oder senken; LLDP reduziert Reservierungen nicht grundsätzlich auf den momentanen Verbrauch. Das optionale Autoclass-Verfahren aus 802.3bt kann anhand einer Referenzmessung bei maximaler PD-Last tatsächliche Kabelverluste berücksichtigen und die Zuteilung optimieren. Unterstützung und Funktionsweise sind auf beiden Seiten zu prüfen.
Ein Rechenbeispiel mit klarer Annahme
Die folgende Installation mit fünfzehn Geräten ist ein hypothetisches Beispiel. Die Reservierungsspalte setzt feste Zuteilung nach Klasse voraus. Die zweite Leistungsspalte enthält angenommene Messwerte an den Switch-Anschlüssen, keine Messung einer dokumentierten Anlage.
| Gerät | Anzahl | Klasse | Klassenreservierung | Angenommene PSE-Aufnahme |
|---|---|---|---|---|
| Außenkamera | 8 | 4 | 240 W | 100 W |
| Access Point | 4 | 4 | 120 W | 52 W |
| IP-Telefon | 2 | 2 | 14 W | 8 W |
| Türstation | 1 | 3 | 15,4 W | 8 W |
| Summe | 15 | — | 389,4 W | 168 W |

Bei 400 W Budget entsprechen 389,4 W Reservierung einer Belegung von 97,35 %. Der angenommene Verbrauch von 168 W entspricht 42 %. Für weitere Reservierungen bleiben 10,6 W frei. Ein zusätzliches Gerät der Klasse 2 mit 7 W passt in dieses Gesamtbudget, ein Gerät der Klasse 4 mit 30 W nicht. Anschlussleistung und weitere konfigurierte Grenzen gelten zusätzlich. Bei einem anderen Zuteilungsverfahren kann die Zulassungsrechnung anders ausfallen.
Eine Reserve für Erweiterungen ist sinnvoll, aber 80 % sind keine IEEE-Grenze. Soll die Planung bewusst 20 % des Budgets freihalten, bleiben bei 400 W insgesamt 320 W als Planungswert. Für 389,4 W Reservierung wären dann mindestens 389,4 / 0,8 = 486,75 W nutzbares PoE-Budget erforderlich. Zusätzliche oder redundante Netzteile können das verfügbare Budget verändern; der vorgesehene Redundanzbetrieb gehört deshalb in die Rechnung.
Maximallast, Kälte und Neustart
Kameradatenblätter unterscheiden typischen und maximalen Verbrauch. Axis beschreibt Maximalwerte, die je nach Modell Infrarotbeleuchtung, Heizung, Zubehör und Temperatur berücksichtigen. Diese Lasten fehlen also nicht grundsätzlich in den Angaben. Ein fester Zusatzverbrauch für Infrarot oder Heizung gilt ebenfalls nicht für alle Kameras. Ausgangspunkt sind der erforderliche Betriebsmodus und der Maximalwert des Herstellers.
Ein Neustart gehört in eine geplante Abnahmeprüfung, weil Klassifizierung, Zuteilung und Gerätestart erneut stattfinden. Die Einschaltreihenfolge der Anschlüsse und das Startverhalten hängen vom Modell ab. Weder gleichzeitiger Start aller Anschlüsse noch eine allgemeine Spitzenlast in der ersten Minute folgen aus PoE. Ein kontrollierter Test im Wartungsfenster kann Kaltstart und benötigte Kameramodi abdecken, ohne den laufenden Betrieb ungeplant zu unterbrechen.
Prioritäten und Messwerte nach der Installation
Ein erschöpftes Budget kann die Versorgung eines weiteren Anschlusses verhindern, eine Priorisierung auslösen oder nur einen eingeschränkten Gerätemodus erlauben. Das genaue Verhalten beschreibt die Gerätedokumentation. Prioritätsstufen und die Entscheidung bei gleicher Priorität sind modellabhängig. Kritische Dienste erhalten eine anhand der Anlagenanforderungen begründete Priorität. Ein gewöhnlicher Daten-Uplink benötigt keine PoE-Ausgangsleistung, solange kein darüber versorgtes Gerät angeschlossen ist.
Soweit verfügbar, enthält das Abnahmeprotokoll zugeteilte und gemessene Leistung je Anschluss, das verbleibende Gesamtbudget, ausgehandelte Klasse, LLDP-Status und Meldungen über verweigerte Versorgung. Eine Differenz zwischen Verbrauch und Zuteilung allein beweist kein abgeschaltetes LLDP. Aussagekräftige Beobachtungen decken die erforderlichen Tages-, Nacht- und Kältemodi sowie den kontrollierten Neustart ab.
Fragen und Antworten
Gibt ein kürzeres Kabel Budget frei?
Bei fester Reservierung nach Klasse bleibt der Klassenwert unverändert. Geringere Kabelverluste senken bei gleicher PD-Last den tatsächlichen PSE-Verbrauch. Verfahren mit Berücksichtigung des tatsächlichen Verbrauchs oder einer Autoclass-Referenzmessung können ebenfalls profitieren. Entscheidend ist das Zuteilungsverfahren.
Passt eine beheizte Kamera in Klasse 4?
Entscheidend ist die vollständige Gerätespezifikation. Klasse 4 stellt am PD bis zu 25,5 W bereit. Klasse 5 bietet 40 W, Klasse 6 bietet 51 W: Ein hypothetischer Bedarf von 44 W am PD überschreitet Klasse 5. Eine gesonderte Heizungsversorgung belegt nicht automatisch die verbleibende Kameraklasse; maßgeblich bleibt die Herstellerangabe.
Benötigen die acht Kameras im Beispiel Klasse 5 statt Klasse 4, steigt deren Reservierung auf 360 W und die Gesamtsumme auf 509,4 W. Bei Klasse 6 lauten die entsprechenden Werte 480 W und 629,4 W. Beide Varianten überschreiten 400 W bereits ohne Erweiterungsreserve.
Welche Leistung zählt für die USV?
Die USV versorgt den tatsächlichen Wechselstromeingang des gesamten Switches einschließlich Elektronik und Netzteilverlusten. Aus einem nominellen PoE-Budget von 400 W folgt allein noch keine Steckdosenaufnahme von 450 W. Zur Auslegung gehören Herstellerangaben oder geeignete Messungen für die ungünstigsten erforderlichen Betriebsbedingungen, die Watt- und VA-Grenzen der USV sowie die gewünschte Laufzeit. Ein einzelner PoE-Messwert von 168 W reicht nicht aus.
Eine kompatible und ausreichend dimensionierte USV kann während eines Stromausfalls innerhalb der unterstützten Laufzeit einen Neustart verhindern. Das hängt auch vom Umschaltverhalten und der Lastverträglichkeit ab; ein Akku allein garantiert keinen unterbrechungsfreien Betrieb.
Quellen
- Ethernet Alliance: Überblick zu 802.3bt Power over Ethernet (April 2018, Entwurfsübersicht)
- IEEE: Informationen zum Ethernet-Standard IEEE 802.3-2022
- HPE Aruba 2920: PoE-Zuteilung steuern
- Cisco: Stromversorgung von Access Points konfigurieren und prüfen
- Microchip: Funktionsweise der PoE-Erkennung
- Axis: Typischer und maximaler Stromverbrauch von Kameras
- HPE Networking Instant On: Stack-Details – Anschlüsse
- HPE Aruba: Redundanz bei Power over Ethernet
- Ubiquiti: PoE-Verfügbarkeit und Betriebsarten
- Eaton: Leitfaden zur USV-Auslegung
Verstehen durch Ausprobieren
Messwert und Reservierung: zwei verschiedene Budgets
Erhöhe die Gerätezahl. Beobachte, wann das reservierte Budget aufgebraucht ist, obwohl der gemessene Verbrauch noch passt.
- Gemessene Abgabe
- Reserviert
Fiktives Beispiel: gemessen 8 W je Gerät am Switch; Reservierung wählbar. Gezeigt wird ein Switch mit klassenbasierter Reservierung. Gerätekompatibilität, Portgrenzen, LLDP-/Leistungsverhandlung, Kabelverluste und Einschaltspitzen separat prüfen. Gesamtbudget ist keine Leistung pro Port.
Dieses Modul rechnet im Browser und sendet oder speichert Deine Eingaben nicht.
Verstehen durch Ausprobieren
Eine Minute: Findest Du den Denkfehler?
60-W-Budget, vier Geräte mit je 8 W Messwert und 15,4 W Reservierung. Reicht das reservierte Budget?
Bei klassenbasierter Reservierung zählen hier 4 × 15,4 = 61,6 W. Die gemessenen 32 W ersetzen diesen Wert nicht. Ob ein Switch anders aushandelt oder dynamisch zuteilt, steht in seiner Dokumentation.


